Anthropologie oder Ethnologie: Gibt es da Unterschiede?

Die Begriffe Ethnologie und Anthropologie fallen oft im selben Kontext. Woher stammen die Begriffe und welche Unterschiede gibt es? Hier findest du eine Umfangreiche Einordnung aller Begriffe.

Ethnologie und Anthropologie sind im Grunde das Gleiche

Wenn du dich für ein Studium interessierst, welches den Menschen im sozialen Geflecht betrachtet, dann bist du sowohl bei Ethnologie als auch der Anthropologie an der richtigen Stelle. Auch wenn die unterschiedlichen Wortursprünge darauf schließen lassen, gibt es kaum Unterschiede zwischen Anthropologie und Ethnologie. Trotzdem solltest du, gerade bei der Wahl des Studiums, auf die Feinheiten achten.

Theoretisch könnte man meinen, dass die Anthropologie (vom griechischen Wort „anthropos“ für „Mensch“) den Menschen in den Mittelpunkt stellt, während die Ethnologie (vom griechischen Wort „ethnos“ für „Volk“) das Zusammenleben der Menschen untersucht. In Wahrheit steckt hinter beiden Bezeichnungen dieselbe Materie: Der Mensch in verschiedenen Gesellschaften. Genau der Bereich, der uns auch bei Menschenwelten interessiert.

Volkskunde, Völkerkunde, Ethnologie

In Deutschland hat man lange Zeit von Volkskunde und Völkerkunde gesprochen. Der erste Begrifff beschreibt die Lehre über das eigene Volk. Klingt ein wenig veraltet? Tatsächlich war die Volkskunde in der Zeit des Nationalsozialismus ein Instrument zur Hoheitsmacht über die Definition des Deutschseins. Die Wissenschaft wurde zur Propaganda. In der Folge machten sich Forschende nach dem Nationalsozialismus Gedanken darüber, ob es Zeit für ein Neudenken sei. Mussten Konzepte wie Volk, Stamm, Tradition und Sitte überdacht werden?

Mussten sie. Nicht nur das Konzept der Volkskultur wurde generalüberholt, auch der Name der meisten Institute änderte sich. Bei manchen früher, bei anderen später. Erst vor kurzem hat sich zum Beispiel das Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie in Münster von der Bezeichnung „Volkskunde“ abgewandt. Bei einigen Museen und Vereinen bleibt der Name weiter fortbestehen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass auch Gedanken aus vergangenen Jahrhunderten indoktriniert werden.

Gleiches gilt für die Völkerkunde. Wurden darunter ehemals Forschungen über vermeintlich unzivilisierte Völker verstanden, hat man im Zeitgeist des Postkolonialismus auch dieses Konzept verworfen. Einige Museen enthalten den Begriff Völkerkunde allerdings noch heute. Ein Argument dafür ist, die problematische Vergangenheit der Ethnologie nicht zu leugnen, sondern mit zum Forschungs- und Aufklärungsgegenstand zu erklären. In der aktuellen Wissenschaft wirst du jedoch kaum noch auf den Begriff Völkerkunde stoßen. Dafür aber zunehmend auf die Ethnologie.

Böse Zungen könnten behaupten, dass eine Mischung aus „ethnos“ und „logos“ ja nichts anderes sei, als die Völkerkunde. Stimmt eigentlich. Aber dennoch veränderte die Namensgebung maßgeblich das Selbstverständnis der EthnologInnen. Statt auf Volksbräuche herabzusehen und Völker mit ihren Traditionen zu definieren, wird heutzutage offener geforscht. Es geht meist um kleinere Gruppen und deren gesellschaftliches Zusammenleben. Mit einem starken Fokus auf kontemporäre Realitäten, beschäftigt sich die Ethnologie damit, wie soziale Strukturen konstruiert werden.

Ethnologie und Anthropologie macht keinen Unterschied
Die Ethnologie betrachtet soziale Phänomene und Strukturen in verschiedenen Räumen und findet sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten

Anthropologie: Eine bessere Lösung als Ethnologie?

Im Unterschied zur Ethnologie umgeht „Anthropologie“ das Problem des Volksbegriffs. Hier wird der Mensch in den Vordergrund gestellt. Dennoch gibt es einen wichtigen Faktor zu beachten: In der Anthropologie unterscheidet man in Deutschland meist zwischen Sozialanthropologie und Kulturanthropologie.

Die Sozialanthropologie tritt dabei in die Fußstapfen der Völkerkunde und beschreibt somit auch dasselbe Forschungsinteresse wie die Ethnologie. Die Kulturanthropologie ist hingegen die Nachfolgerin der Volkskunde. Heute schaut sie vor allem auf materielle Zeugnisse von Kultur und hat einen stärker historischen Ansatz. In vielen Universitäten bekommen die Studiengänge der Disziplin den Doppelnamen Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie.

Doch der Unterschied zwischen der „fernen“ Völkerkunde und der „nahen“ Volkskunde löst sich seit der Umbenennung ebenfalls zunehmend auf. Auch wenn mit der Kulturanthropologie noch oft die Forschung im eigenen Kulturraum assoziiert wird: Wer in Mexiko alte Dokumente entziffert und daraus Rückschlüsse über die Entstehung kultureller Phänomene zieht, kann durchaus als KuluranthropologIn bezeichnet werden. ForscherInnen, die sich für Übergangsrituale innerhalb der eigenen Kirchengemeinde interessieren, können hier hingegen auch im Rahmen der Sozialanthropologie forschen. In der Anthropologie verschwimmen die Grenzen. Was zählt sind Erkenntnisse über soziale und kulturelle Realitäten von Menschen.

Gerade Bachelorstudiengänge werden letztendlich oft als Kultur- und Sozialanthropologie angeboten. Hier bekommst du beides: Wissenswerte Ergebnisse aus der Sozialforschung und Erkenntnisse aus materiellen Kulturgütern.

Im Unterschied zur Ethnologie betrachtet die Kulturanthropologie vor allem nahe Kulturräume.
Im Unterschied zur Ethnologie betrachtet die Kulturanthropologie vor allem materiell erfassbare Zeugnisse von Kultur.

Ethnologie und Anthropologie: Die Unterschiede im Englischen

Eine Sache erschwert die Verständigung über die Begriffe zusätzlich. Im Englischen funktioniert alles anders. Wer sich gelegentlich (vorzugsweise US-amerikanische) Dokumentarfilme aus dem Bereich der Anthropologie ansieht, wird ein wenig stutzig werden. Dauernd geht es um ArchäologInnen und HistorikerInnen. Tatsächlich steckt dort im umgangssprachlichen Begriff „anthropology“ sehr viel Geschichte der Menschheit.

Der Begriff „Social Anthropology“ oder auch „Cultural Anthropology“ umschreibt hingegen das, was wir in Deutschland meist als Sozialanthropologie oder Ethnologie verstehen, weniger jedoch die Kulturanthropologie. Verwirrt?

Dann setzen wir noch einen drauf: „Ethnology“ ist zwar im englischsprachigen Raum weniger verbreitet. Wenn es genutzt wird, dann meist im Zusammenhang mit Folklore, also unserer Kulturanthropologie. Außerdem gibt es noch weitere Unterschiede zwischen britischen und US-amerikanischen Definitionen. Deshalb muss du immer aufpassen mit wem du sprichst. Meistens klärt sich alles aber ziemlich schnell über den Inhalt. Und immerhin geht es in jedem Fall um das Zusammenleben von Menschen.

Eine Zusammenfassung der unterschiedlichen Begriffe

Diese Liste gibt hier nur einen groben Überblick über die Unterschiede im Gebrauch der Begriffe rund um Ethnologie oder Anthropologie. Innerhalb der Wissenschaft gab es etliche interne Debatten, welche Bezeichnung denn nun richtig sei. Noch heute wird gelegentlich über die Definitionen der Grundlagen gestritten. Daher können alle Einordnungen hier nur Annäherungen sein, die leider nicht universell gültig sind.

Unterschiede der Fachrichtungen der Anthropologie und Ethnologie
Ein Versuch der Einordnung, der sicherlich nicht universell gültig ist.

Anthropologie: Sammelbezeichnung für Kultur und Sozialanthropologie. Oftmals auch verbunden mit Geschichte und Archäologie

Ethnologie: Ehemals Völkerkunde. Erforscht das Zusammenleben von Menschen vor allem im Kontext räumlich distanzierter Gesellschaften. Zieht Rückschlüsse aus Erkenntnissen verschiedener Forschungsräume und -bereiche.

Europäische Ethnologie: Meist bedeutungsgleich mit moderner Volkskunde. Konzentriert sich auf die Erforschung von Kultur im näheren regionalen Raum. Blickt dabei sowohl auf kontemporäre Erscheinungen als auch historische Entwicklungen.

Folkloristik: Selten gebraucht. Beschreibt Erforschung immaterieller Kulturgüter. Nahe an Volkskunde/Europäische Ethnologie

Kulturanthropologie: Wird häufig äquivalent zur Volkskunde und Europäischer Ethnologie verwendet. Kann jedoch im Forschungsbereich auch entferntere Forschungsfelder miteinbeziehen. Konzentriert sich verstärkt auf Arbeit in Archiven, betrachtet Dokumentationen und Bräuche.

Sozialanthropologie: Entwickelte sich aus der ehemaligen Völkerkunde. Wird meist gleichgesetzt mit Ethnologie.

Völkerkunde: Heutzutage selten gebraucht. Beschrieb früher die Erforschung fremder Völker. Da der Volksbegriff mittlerweile überholt ist, entwickelte sich die Völkerkunde zur Ethnologie. Paradigmen der Wissenschaft (Forschungsgegenstand, Definitionen) veränderten sich ebenfalls.

Volkskunde: Heute noch bedingt in Gebrauch. Beschreibt wie die Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie die Entwicklungen und Zustände im näher gelegenen Kulturraum.

Anthropology: Im englischsprachigen Raum ein Oberbegriff für Forschungen über das Menschsein. Breiter gefasst als das Konzept der Ethnologie in Deutschland. Schließt oft (vor allem umgangssprachlich) auch biologische Evolution ein, sowie Erkenntnisse aus der Menschheitsgeschichte.

Cultural Anthropology: Nicht gleichzusetzen mit Kulturanthropologie im deutschen Sprachraum. Erforscht vor allem auch Bereiche, welche im Deutschen unter Sozialanthropologie fallen.

Social Anthropology: Beschreibt ebenfalls Sozialanthropologie, bzw. Ethnologie. In der Realität kaum konsistente Unterscheidung zur Cultural Anthropology

Ethnology: In der Regel bezeichnet dieser selten genutzte Begriff die nordamerikanischen Folklore-Studien

Ethnologie? Anthropologie? Was soll’s!

Zwar gilt die Ethnologie in der Wissenschaft in Deutschland als „kleines Fach“. Allein bei der Namensgebung merkst du aber ziemlich schnell, was alles dahintersteckt. Zum Glück haben die meisten EthnologInnen besseres zu tun, als sich um Begriffe zu streiten. Und irgendwie ist ja auch bei allen Begriffen klar, worum es geht: Der Mensch in verschiedenen sozialen Systemen. Menschenwelten halt.

Wenn du Ergänzungen oder Fragen hast, kannst du sie gerne in den Kommentaren stellen.

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